Partizipative Entscheidungsfindung (Shared Decision Making)
Zielsetzung: Die Auszubildenden lernen das Konzept der partizipativen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making, SDM) kennen und reflektieren, wie sie Patient:innen aktiv in Pflege- und Behandlungsentscheidungen einbinden können.
Inhalte und Methoden: Das Arbeitsblatt führt anhand eines realitätsnahen Fallbeispiels, eines Infotextes, Visualisierungen und eines Rollenspiels mit Beobachtungsbogen strukturiert in die sechs Schritte des SDM ein. Es wird trainiert, wie Pflegefachpersonen die Perspektive von Patient:innen ernst nehmen, Optionen verständlich erklären, Werte klären und gemeinsam Entscheidungen treffen.
Kompetenzen:
- Reflexion über eigene Haltung und Erfahrungen mit Entscheidungsprozessen
- Anwendung der sechs SDM-Schritte im Pflegekontext
- Professionelle Kommunikation und Gesprächsführung
- Rollenübernahme und Perspektivwechsel
Zielgruppe und Niveau: Geeignet für die Pflegeausbildung ab dem 2. Ausbildungsjahr
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Auszubildende im Pflegeberuf
Subjects
Partizipative Entscheidungsfindung (Shared Decision Making)


Entscheidungen im Pflegealltag
Denken Sie an eine konkrete Situation in Ihrem Pflegealltag oder Ihrer Ausbildung: Gab es eine Entscheidung — sei es zu Pflege, Betreuung oder Behandlung — bei der Sie (oder eine betreute Person) Ihrer Meinung nach stärker eingebunden werden sollten. Was würde eine gute Entscheidung für Sie bzw. für diese Person ausmachen?
Notieren Sie Ihre Überlegungen.
🖊️Platz für Ihre Antworten
Frau Bustos - 35 Jahre - Brustkrebs - Anfangstadium
Als ich heute Morgen das Zimmer von Frau Bustos betrat, saß sie auf der Bettkante und starrte ins Leere. Die Diagnose hatte sie erst vor zwei Tagen erhalten, aber die Nachricht schien sie von Minute zu Minute schwerer zu belasten. Frau Bustos ist 35 Jahre alt und hatte vor wenigen Wochen selbst einen Knoten in ihrer linken Brust ertastet. Die anschließende Diagnostik mit Mammographie, Sonographie und Stanzbiopsie bestätigte einen kleinen, hormonrezeptor-positiven und HER2-negativen Tumor. Ein Mammakarzinom im Frühstadium, wie die Ärzte es nannten. Die Lymphknoten in der Achselhöhle schienen nicht befallen zu sein – eine gute Prognose, aber für Frau Bustos war es einfach nur Krebs. Eben war die Oberarztvisite bei ihr. Ich war dabei, um die Informationen für die pflegerische Planung aufzunehmen. Der Oberarzt erklärte ihr ruhig und sachlich die beiden operativen Optionen. Erstens, die brusterhaltende Operation, bei der nur der Tumor mit einem Sicherheitssaum entfernt wird, gefolgt von einer mehrwöchigen Strahlentherapie der verbliebenen Brust. Zweitens, die Mastektomie, also die vollständige Entfernung der Brustdrüse, bei der eine anschließende Bestrahlung eventuell nicht notwendig wäre. Er betonte, dass die Überlebenschancen bei beiden Verfahren im Frühstadium identisch seien. Es sei eine Entscheidung zwischen dem Erhalt der eigenen Brust mit der Notwendigkeit einer Bestrahlung und deren möglichen Spätfolgen, oder dem radikaleren Eingriff der Brustamputation, der ihr vielleicht psychisch mehr Sicherheit gäbe, aber ihren Körper für immer verändern würde. Nachdem die Ärzte das Zimmer verlassen hatten, blieb eine drückende Stille zurück. Frau Bustos blickte hilfesuchend zu mir auf, ihre Augen waren glasig. Sie flüsterte: „Die eine Methode nimmt mir die Brust, die andere verstrahlt meinen Körper. Beides macht mir unvorstellbare Angst.“ Sie machte eine Pause, schluckte schwer und sah mich direkt an. Und wer soll das jetzt entscheiden?

Shared Decision Making - Partizipative Entscheidungsfindung
Was ist Shared Decision Making (Partizipative Entscheidungsfindung)?
Shared Decision Making (SDM) – auf Deutsch Partizipative Entscheidungsfindung – bedeutet, dass Pflegefachpersonen, Ärzt:innen und Patient:innen gemeinsam Entscheidungen treffen. Alle Beteiligten bringen dabei ihre eigene Form von Expertise ein:
- Fachpersonen: medizinisches und pflegerisches Wissen, Informationen zu möglichen Behandlungen, Risiken und zu erwartenden Ergebnissen
- Patient:innen: persönliche Wünsche, Werte, Lebensumstände, Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen
Beim Shared Decision Making entscheiden beide gemeinsam.
Es geht darum, auf Grundlage geteilter Informationen eine Lösung zu finden, die sowohl fachlich sinnvoll als auch für den Patienten / die Patientin passend ist.
Warum ist SDM wichtig – gerade in der Pflege?
Viele Patient:innen möchten heute nicht nur „behandelt“ werden, sondern ihre Situation verstehen, Optionen kennen und aktiv an Entscheidungen beteiligt sein.
Wenn Patient:innen mitentscheiden können, führt das häufig zu:
- besserem Verständnis für die Behandlung
- höherer Motivation, aktiv mitzuarbeiten (Adhärenz)
- realistischeren Erwartungen
- weniger Entscheidungsunsicherheit
- mehr Zufriedenheit auf beiden Seiten
Auch im Pflegeprozess gibt es oft mehrere Möglichkeiten, wie ein Ziel erreicht werden kann – z. B. bei der Mobilisation, Körperpflege oder Ernährungsunterstützung.
Wenn pflegerische Ziele gemeinsam festgelegt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der pflegebedürftige Mensch aktiv daran mitarbeitet.

Merkmale eines guten SDM-Prozesses
Wann ist SDM besonders wichtig?
SDM wird vor allem dann angewandt, wenn es keine eindeutig „beste“ Option gibt, sondern mehrere Vorgehensweisen möglich und sinnvoll sind.
Solche Situationen nennt man präferenzsensitive Entscheidungen. Typische Merkmale sind:
- Es gibt mindestens zwei gleichwertige Optionen (inkl. „Abwarten“).
- Die Entscheidung hängt von den persönlichen Prioritäten des Patienten / der Patientin ab (z. B. Lebensqualität, Unabhängigkeit, Risiken).
- Die Entscheidung hat eine hohe Bedeutung für das weitere Leben des Patienten / der Patientin.
- Der Ausgang ist teilweise unsicher, es gibt Vor- und Nachteile.
Woran erkennt man einen guten SDM-Prozess?
Ein erfolgreicher SDM-Prozess umfasst vier Grundelemente:
- Mindestens zwei Beteiligte: Patient:in und Fachperson.
- Beide beteiligen sich aktiv an der Entscheidung.
- Beidseitiger Informationsaustausch: Fachwissen ↔ persönliche Wünsche und Präferenzen.
- Die Entscheidung wird gemeinsam getroffen und von beiden getragen.
In der Praxis bedeutet das:
Die Pflegekraft erklärt, dass es Wahlmöglichkeiten gibt, informiert verständlich über Vor- und Nachteile, fragt gezielt nach Sorgen, Erwartungen und Alltagssituationen und unterstützt den Patienten / die Patientin dabei, eigene Prioritäten zu formulieren.

Rollenspiel (Gruppenpuzzle)
Sie gehen in Vierer-Gruppen.
Zwei Personen bereiten sich gemeinsam auf die Rolle der Patientin / des Patienten aus dem Fallbeispiel vor.
Zwei weitere Personen übernehmen die Rolle der Pflegefachperson, die die Entscheidungssituation begleitet.
Jede Doppelrolle klärt zunächst ihre Perspektive und informiert sich:
- die Patient:innen-Rolle sammelt persönliche Wünsche, Ziele, Sorgen und Alltagseinschränkungen der Fallperson,
- die Pflegefachpersonen überlegen und recherchieren, welche Optionen bestehen, wie sie verständlich erklärt werden können und welche Fragen sie zur Klärung der Präferenzen stellen möchten.
Anschließend führen jeweils eine Pflegefachperson und ein:e Patient:in das Gespräch vor der Klasse durch.
Die beiden anderen Gruppenmitglieder – sowie die übrige Lerngruppe – beobachten das Gespräch anhand der SDM-Kriterien.
Ziel der Übung ist es,
- die Sicht der im Fall beschriebenen Person nachzuvollziehen,
- ein SDM-Gespräch strukturiert zu üben
- und mithilfe der Beobachtungskarte professionelles Feedback zu geben.
Nutzen Sie zur Vorbereitung Ihre Rollenkarten.

Rollenkarte: Pflegekraft (Teil 1)
🎯 Ziel Ihrer Rolle:
Sie unterstützen Patient:innen dabei, eine informierte und gemeinsam getragene Entscheidung zu treffen (Shared Decision Making). Informieren Sie sich über die verschiedenen medizinischen Optionen.
1. Entscheidungssituation klären
✔ Ihre Aufgabe:
Patient:innen vermitteln, dass eine Entscheidung ansteht und es mehrere Möglichkeiten gibt.
💬 Formulierungen:
- „Es gibt verschiedene Wege, wie wir weitermachen können – ich möchte diese mit Ihnen besprechen.“
- „Mir ist wichtig, dass Sie wissen: Es gibt mehrere Optionen, und wir entscheiden gemeinsam.“
❓ Fragen an den Patienten / die Patientin:
- „Was wissen Sie bisher über die Möglichkeiten?“
- „Was ist für Sie unklar?“
2. Optionen erklären (verständlich!)
✔ Ihre Aufgabe:
Mindestens zwei Optionen nennen, deren Vorteile, Nachteile und Auswirkungen im Alltag erklären.
Zum Vorbereiten (Stichpunkte aufschreiben):
- Option A:
- Vorteil:
- Nachteil:
- Alltagseinfluss:
- Option B:
- Vorteil:
- Nachteil:
- Alltagseinfluss:
💬 Formulierungen:
- „Option A würde bedeuten, dass …“
- „Bei Option B könnte … passieren, allerdings …“
❓ Verständnisfragen, die Sie stellen sollten:
- „Wie klingt das für Sie?“
- „Was davon überrascht Sie?“

Rollenkarte: Pflegekraft (Teil 2)
3. Wünsche, Werte, Alltag & Sorgen erfragen
✔ Ihre Aufgabe:
Die Perspektive des Patienten / der Patientin sichtbar machen.
❓ Ihre Fragen:
- „Wovor haben Sie bei den Möglichkeiten vielleicht Sorgen?“
- „Welche Unterstützung steht Ihnen zu Hause zur Verfügung?“
- „Welche Option passt am besten zu Ihrem Leben?“
💬 Formulierungen:
- „Ich möchte gut verstehen, was Ihnen persönlich wichtig ist.“
- „Ihre Sichtweise ist zentral für die Entscheidung.“
4. Gemeinsam abwägen
✔ Ihre Aufgabe:
Zusammenfassen, neutral vergleichen, Orientierung geben.
💬 Formulierungen:
- „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Ihnen besonders wichtig, dass …“
- „Option B wäre im Alltag leichter/schwerer, weil …“
- „Welche Aspekte wiegen für Sie stärker?“
❓ Fragen:
- „Welche der beiden Möglichkeiten fühlt sich stimmiger für Sie an?“
- „Was wäre der größte Vorteil aus Ihrer Sicht? Der größte Nachteil?“
5. Gemeinsame Entscheidung treffen
✔ Ihre Aufgabe:
Die Entscheidung gemeinsam formulieren und bestätigen.
💬 Formulierungen:
- „Damit wir beide sicher sind: Sie möchten also …, richtig?“
6. Nächste Schritte planen
✔ Ihre Aufgabe:
Konkrete Maßnahmen und Follow-up vereinbaren.
❓ Fragen:
- „Was brauchen Sie, damit wir das gut umsetzen können?“
💬 Formulierungen:
- „Ich notiere das so in der Pflegeplanung und unterstütze Sie bei den nächsten Schritten.“
🖊️Platz für Ihre Notizen

Rollenkarte: Patient:in (Teil 1)
🎯 Ziel Ihrer Rolle:
Ihre persönlichen Wünsche, Sorgen, Ziele und Alltagssituation einbringen und gemeinsam mit der Pflegekraft eine Entscheidung treffen.
1. Eigene Ausgangssituation beschreiben
✔ Ihre Aufgaben:
- Überlegen Sie: Wie geht es mir aktuell?
- Wo bin ich eingeschränkt?
- Was kann ich gut bewältigen?
💬 Formulierungen:
- „Ich merke, dass mich … sehr anstrengt.“
- „Ich komme alleine klar bei …, aber nicht bei …“
2. Bedürfnisse und Wünsche formulieren
✔ Überlegen Sie, was Ihnen wichtig ist:
- Selbstständigkeit
- Sicherheit
- Nähe zu Familie
- Schmerzfreiheit
- Zuhause bleiben können
- Weniger Belastung
💬 Formulierungen:
- „Wichtig ist mir vor allem, dass …“
- „Ich würde gern vermeiden, dass …“
3. Ziele äußern
✔ Ihre Aufgabe:
Überlegen Sie: Was möchte ich erreichen?
Beispiele:
- wieder sicherer laufen
- weniger Schmerzen
- nicht ständig erschöpft sein
💬 Formulierungen:
- „Mein Ziel wäre, wieder … zu können.“
- „Ich hoffe, dass ich durch die Entscheidung … erreiche.“

Rollenkarte: Patient:in (Teil 2)
4. Sorgen und Ängste ansprechen
✔ Ihre Aufgabe:
Benennen Sie offen Ihre Bedenken, z. B.:
- Überforderung
- Angst vor Nebenwirkungen
- Belastung der Angehörigen
- Angst vor Verlust der Selbstständigkeit
💬 Formulierungen:
- „Ich mache mir Sorgen, dass …“
- „Ich fühle mich unsicher bei der Vorstellung, dass …“
5. Verständnisfragen stellen
Damit Sie gut informiert entscheiden können:
❓ Beispiele:
- „Was bedeutet das konkret für meinen Alltag?“
- „Wie oft müsste ich das machen?“
- „Was wäre, wenn ich das nicht mache?“
- „Welche Risiken gibt es?“
6. Präferenz (Vorliebe) äußern
✔ Ihre Aufgabe:
Sagen Sie, was sich für Sie stimmiger anfühlt – und warum.
💬 Formulierungen:
- „Ich tendiere eher zu …, weil mir wichtig ist, dass …“
- „Mir ist zwar klar, dass …, aber ich möchte lieber …“
7. Aktiv an der Entscheidung mitwirken
💬 Formulierungen:
- „Ja, ich denke, Option B passt am besten zu meinem Alltag.“
- „Ich möchte das erst einmal ausprobieren.“
- „Können wir uns das nach einer Woche nochmal anschauen?“
🖊️Platz für Ihre Notizen
Beobachtungskarte – Shared Decision Making (SDM)
Name der beobachtenden Person: ____________________
1. Merkmale eines guten SDM-Prozesses
A. Entscheidungssituation & Optionen
| Kriterium | Ja | Teilweise | Nein |
|---|---|---|---|
| Es wird klar gesagt, dass eine Entscheidung ansteht. | |||
| Es werden mindestens zwei realistische Optionen erklärt. | |||
| Vor- und Nachteile werden verständlich dargestellt. |
B. Bedürfnisse, Werte & Alltag
| Kriterium | Ja | Teilweise | Nein |
|---|---|---|---|
| Die Pflegefachperson fragt aktiv nach Wünschen, Zielen und Sorgen. | |||
| Der/Die Patient:in äußert eigene Prioritäten, Bedenken oder Ziele. | |||
| Es findet ein echter Dialog statt (Nachfragen, Zusammenfassen). |
C. Gemeinsames Abwägen
| Kriterium | Ja | Teilweise | Nein |
|---|---|---|---|
| Vor- und Nachteile werden gemeinsam verglichen. | |||
| Die Pflegefachperson bleibt neutral und wertschätzend. | |||
| Die Entscheidung orientiert sich sichtbar an den Präferenzen des/r Patient:in. |
D. Gemeinsame Entscheidung & nächste Schritte
| Kriterium | Ja | Teilweise | Nein |
|---|---|---|---|
| Eine gemeinsame Entscheidung wird klar formuliert. | |||
| Der/Die Patient:in stimmt der Entscheidung aktiv zu. | |||
| Konkrete nächste Schritte werden besprochen. |
2. Kommunikation
| Kriterium | Ja | Teilweise | Nein |
|---|---|---|---|
| Verständliche Sprache; Fachbegriffe werden erklärt. | |||
| Offene Fragen und aktives Zuhören. | |||
| Keine einseitige Beeinflussung; faire Beteiligung. |
3. Kurzfeedback
Stärken im Rollenspiel:
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Verbesserungsmöglichkeiten:
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