Vorgaben, Strukturen, Angebote und Netzwerke im Sinne des Recovery-Ansatzes

Vorgaben, Strukturen, Angebote und Netzwerke im Sinne des Recovery-Ansatzes

Zielsetzung: Das Arbeitsblatt zielt darauf ab, den Lernenden die ganzheitliche Anwendung des Recovery-Ansatzes zu vermitteln. Es soll sie in der kritischen Analyse der vier Hauptfaktoren – gesetzliche Vorgaben, gesellschaftliche Strukturen, institutionelle Angebote und persönliche Netzwerke – schulen, indem ein Fallbeispiel analysiert wird, bei dem diese Faktoren aufgrund von Isolation und Stigmatisierung versagen.


Inhalte und Methoden: Inhaltlich vermittelt das Arbeitsblatt die Grundlagen des Recovery-Ansatzes mit Fokus auf Selbstbestimmung, Teilhabe und Genesung sowie das Zusammenspiel gesetzlicher, gesellschaftlicher, institutioneller und persönlicher Unterstützungsstrukturen. Methodisch bearbeiten die Lernenden theoretische Fragen, analysieren Einstellungen zu Stigmatisierung und priorisieren recovery-orientierte Kriterien und Netzwerkpartner:innen. Im Zentrum steht die Gruppenarbeit zu einem Fallbeispiel, in der die vier Säulen kritisch analysiert und abschließend in einer Infografik visualisiert werden.


Kompetenzen:

  • Ganzheitliche Fallanalyse: Strukturierung eines komplexen Falls entlang des soziologischen und rechtlichen Rahmens des Recovery-Ansatzes
  • Kritisches Denken: Erkennen der Diskrepanz zwischen formalen Rechten und der realen Teilhabe für mehrfach benachteiligte Personen
  • Systemisches Denken: Erarbeitung von Lösungsansätzen, die nicht nur auf individueller, sondern auch auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene ansetzen
  • Transferkompetenz: Entwicklung konkreter Handlungsstrategien für Pflegefachpersonen zur Stärkung sozialer Netzwerke


Zielgruppe und Niveau: Das Arbeitsblatt richtet sich an Personen in Pflegeberufen oder in der Ausbildung.

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Target group and level

Auszubildende im Pflegeberuf

Subjects

Health and Social CarePedagogy

Vorgaben, Strukturen, Angebote und Netzwerke im Sinne des Recovery-Ansatzes

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Arbeitsauftrag

Lesen Sie den Text und beantworten Sie die Fragen.

Gesetzliche Vorgaben, gesellschaftliche Strukturen, institutionelle Angebote und persönliche Netzwerke im Sinne des Recovery-Ansatzes

Der Recovery-Ansatz in der Pflege legt den Fokus auf die individuelle Genesung und die größtmögliche Selbstbestimmung der Betroffenen. Für Pflegeauszubildende ist es wichtig, die gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die institutionellen Angebote und persönlichen Netzwerke zu kennen, die diesen Ansatz unterstützen. Im deutschen Sozial- und Gesundheitssystem ist das Recht auf Rehabilitation und Teilhabe im Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) fest verankert. Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) gestaltet seit 2018 die Leistungen zur Teilhabe an Rehabilitation „aus einer Hand“: Umfang, Dauer und Art der Leistungen werden gemeinsam mit den Betroffenen in einem Reha-Gesamtplan festgelegt, der individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt wird. Im Fokus steht dabei immer das Ziel, die Autonomie und die gesellschaftliche Teilhabe der betroffenen Person zu fördern.

Die Umsetzung des Recovery-Ansatzes gelingt nur im Zusammenspiel von gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Strukturen. Pflegeeinrichtungen und Rehabilitationskliniken arbeiten mit verschiedenen Trägern (öffentliche, freigemeinnützige, private) und bieten stationäre, teilstationäre oder ambulante Angebote an. Das pflegerische Handeln orientiert sich an Rahmenverträgen, z. B. im SGB V und SGB XI, und wird durch verschiedene Berufsgruppen wie Ärzt:innen, Pflegefachpersonen, Therapeut:innen sowie Sozialarbeiter:innen gestaltet. Besonders wichtig ist die aktivierende Pflege, die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Patient:innen fördert.

Institutionelle Angebote wie Rehabilitationskliniken, mobile Rehateams und ambulante Dienste ermöglichen individuelle Unterstützungsleistungen. Der Einbezug persönlicher Netzwerke – wie Familie, Freund:innen oder Selbsthilfegruppen – ist für den Genesungsprozess essenziell, da sie emotionale Stabilität und soziale Integration begünstigen. Gesellschaftliche Strukturen, wie das Solidaritätsprinzip im Sozialstaat, sichern die Finanzierung und Zugänglichkeit zu diesen Leistungen für alle Bürger:innen. Für Pflegeauszubildende bedeutet dies, Patient:innen ganzheitlich zu betrachten, gesetzliche Vorgaben zu beachten und individuelle Ressourcen sowie Netzwerke zu stärken, um eine selbstbestimmte Teilhabe am Leben im Sinne des Recovery-Ansatzes zu ermöglichen.

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Gesellschaftliche Strukturen

Gesellschaftliche Strukturen beeinflussen, wie psychische Erkrankungen wahrgenommen werden und welche Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe bestehen.

Lesen Sie sich die folgenden Aussagen aufmerksam durch und kreuzen Sie an, ob Sie ihnen zustimmen oder nicht.

Begründen Sie Ihre Entscheidung jeweils mit mindestens einem Argument oder einem kurzen Beispiel.

Aussage Trifft zu Trifft nicht zu Begründung
Gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Erkrankungen fördert den Recovery-Prozess.
Stigmatisierung und Vorurteile können den Recovery-Prozess behindern.
Offene Gespräche über psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit können Hoffnung und Empowerment stärken.
Fehlende Barrierefreiheit (z. B. im Arbeitsmarkt oder Wohnbereich) erschwert die gesellschaftliche Teilhabe und damit Recovery.
Menschen mit psychischen Erkrankungen haben in der Gesellschaft oft weniger Möglichkeiten zur Mitbestimmung.
Ein inklusiver Arbeitsmarkt kann den Recovery-Prozess positiv beeinflussen.
Medienberichte über psychische Erkrankungen tragen häufig zu Stigmatisierung bei.
Gesellschaftliche Strukturen haben keinen Einfluss auf den individuellen Recovery-Prozess.
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Institutionelle Angebote und persönliche Netzwerke

  1. Stellen Sie sich vor, Sie dürfen drei Kriterien festlegen, nach denen ein institutionelles Angebot im Sinne des Recovery-Ansatzes arbeiten sollte.
  2. Bringen Sie die folgenden Netzwerkpartner in eine Reihenfolge entsprechend ihrer Bedeutung für den Recovery-Prozess (von sehr wichtig bis weniger wichtig).
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Gruppenaufgabe: „Der Weg im Recovery-Prozess“

Ziel: Die Gruppe analysiert das Fallbeispiel und arbeitet gemeinsam heraus, wie gesetzliche Vorgaben, gesellschaftliche Strukturen, institutionelle Angebote und persönliche Netzwerke den Recovery-Prozess der vorgestellten Person beeinflussen.

Rollenverteilung: Teilen Sie die Aufgabenbereiche unter den Gruppenmitgliedern auf:

  • Person 1: Gesetzliche Vorgaben
  • Person 2: Gesellschaftliche Strukturen
  • Person 3: Institutionelle Angebote
  • Person 4: Persönliche Netzwerke

Mia

Mia ist 34 Jahre alt und lebt seit mehreren Jahren mit einer chronischen psychischen Erkrankung. Sie wohnt allein in einer kleinen Mietwohnung und hat keinen Kontakt zu ihrer Familie oder zu Freund:innen. Als ihre Symptome erneut schlimmer werden, bemüht sie sich um Unterstützung, doch stößt sie dabei auf zahlreiche Schwierigkeiten. Obwohl das Sozialgesetzbuch IX ihr Anspruch auf Rehabilitation und Teilhabe zusichert, scheitert Mia bereits an der komplexen Antragstellung und fehlenden Beratung. Sie erhält keine Unterstützung bei der Orientierung im System, und die Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Kostenträgern bleiben für sie unklar. Aufgrund ihrer Erkrankung ist sie oft mit Vorurteilen und Stigmatisierung konfrontiert, sowohl im beruflichen Umfeld als auch im Kontakt mit Behörden. Gesellschaftliche Strukturen, die eigentlich für Chancengleichheit sorgen sollen, greifen bei ihr kaum, da sie keine Fürsprecher:innen hat und sich niemand für ihre Belange einsetzt. Institutionelle Angebote wie ambulante Dienste oder Selbsthilfegruppen kennt Mia nicht oder findet keinen Zugang, da Informationen fehlen und sie sich in öffentlichen Einrichtungen nicht willkommen fühlt. Die wenigen Kontakte zu Nachbar:innen sind oberflächlich; ein persönliches Netzwerk, das emotionale oder praktische Unterstützung bieten könnte, existiert nicht. In ihrer Isolation erlebt Mia, wie gesetzliche Rechte und gesellschaftliche Solidarität zwar formal bestehen, aber im Alltag für Menschen ohne soziales Netzwerk und mit mehrfacher Benachteiligung nicht greifen. Die recovery-orientierte Perspektive, die Selbstbestimmung und Teilhabe ermöglichen soll, bleibt für Mia unerreichbar, da weder gesetzliche noch institutionelle Strukturen noch das soziale Umfeld sie wirksam unterstützen.

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Gesetzliche Vorgaben

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Gesellschaftliche Strukturen

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Institutionelle Angebote

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Persönliche Netzwerke

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Recovery-Perspektive

Kehren Sie in die Gruppen zurück und erstellen Sie gemeinsam eine Infografik, die die Situation im Sinne des Recovery-Ansatzes darstellt.

Die Infografik soll zeigen:

  • Die Person im Mittelpunkt
  • Gesetzliche Vorgaben (Rechte, Leistungen, Chancen, Probleme)
  • Gesellschaftliche Strukturen (fördernd und hindernd)
  • Institutionelle Angebote (vorhanden oder nicht vorhanden)
  • Persönliche Netzwerke (Unterstützung, fehlende Kontakte)
  • Recovery-Ziele (Selbstbestimmung, Teilhabe, Lebensqualität)

Erstellen Sie eine Infografik, die die Situation im Sinne des Recovery-Ansatzes darstellt.

Lösung für die Lehrkraft

Aussage Trifft zu Trifft nicht zu Begründung
Gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Erkrankungen fördert den Recovery-Prozess. Akzeptanz reduziert Stigmatisierung und unterstützt soziale Teilhabe.
Stigmatisierung und Vorurteile können den Recovery-Prozess behindern. Vorurteile erschweren Hilfeannahme und gesellschaftliche Integration.
Offene Gespräche über psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit können Hoffnung und Empowerment stärken. Sichtbarkeit fördert Verständnis und stärkt Selbstwirksamkeit.
Fehlende Barrierefreiheit (z. B. im Arbeitsmarkt oder Wohnbereich) erschwert die gesellschaftliche Teilhabe und damit Recovery. Strukturelle Hürden begrenzen Teilhabe und Entwicklungsmöglichkeiten.
Menschen mit psychischen Erkrankungen haben in der Gesellschaft oft weniger Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Diskriminierung schränkt politische und soziale Partizipation ein.
Ein inklusiver Arbeitsmarkt kann den Recovery-Prozess positiv beeinflussen. Arbeit fördert Selbstwert, Struktur und soziale Anerkennung.
Medienberichte über psychische Erkrankungen tragen häufig zu Stigmatisierung bei. Einseitige oder negative Darstellungen verstärken Vorurteile.
Gesellschaftliche Strukturen haben keinen Einfluss auf den individuellen Recovery-Prozess. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen Recovery maßgeblich.
MiaMia ist 34 Jahre alt und lebt mit einer chronischen psychischenErkrankung. Sie lebt isoliert und hat keinen Kontakt zu ihrer Familie. GesetzeDas SGB IX sichert das Recht auf Rehabilitation und Teilhabe. Der Antragist jedoch komplex und unklar für Mia. GesellschaftGesellschaftliche Strukturen bieten wenig Unterstützung für Mia, da siekeine Fürsprecher hat. InstitutionenMia kennt keine institutionellen Angebote wie ambulante Dienste oderSelbsthilfegruppen. NetzwerkeMia fehlt ein persönliches Netzwerk für emotionale oder praktischeUnterstützung. Recovery-ZieleZiel ist es, Mias Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe zufördern, was aktuell unerreichbar erscheint.Recovery-Ansatz in der Pflege