Gott, eine Illusion der Kindheit?
Man fragt mich, ob es Gott gibt. Als Psychoanalytiker antworte ich: Es geht nicht um Beweise, sondern um Wünsche. Erinnerst du dich an die kindliche Hilflosigkeit und den Schutz durch einen starken Vater? Diese tiefe Sehnsucht bleibt. Der erwachsene Mensch, der sich den Mächten der Natur und des Schicksals ausgeliefert fühlt, projiziert diesen Kinderwunsch ins Universum. So entsteht die Vorstellung eines himmlischen Vaters. Gott ist also eine Illusion, die aus unserem ältesten und stärksten Wunsch geboren wird.
Für mich ist Religion eine Art kollektive Zwangsneurose. Die Gläubigen folgen starren Ritualen, ähnlich wie meine Patient:innen zwanghaften Handlungen nachgehen, um Ängste zu bändigen. Religion verspricht Schutz, gleicht Ungerechtigkeiten nach dem Tod aus und zähmt unsere asozialen Triebe durch Gebote. Sie bietet Trost, hält die Menschheit aber gleichzeitig in einem infantilen, also kindlichen, Zustand der Abhängigkeit. So wird die Realität erträglicher gemacht, aber wahre Reife verhindert.
Die Zukunft gehört jedoch nicht der Illusion, sondern der Wissenschaft und der Vernunft – dem Logos. So wie ein:e Jugendliche:r erwachsen werden muss, so muss auch die Menschheit ihre religiöse Phase überwinden. Wir müssen der Realität ohne den Trost eines himmlischen Vaters begegnen. Dieser schmerzhafte, aber notwendige Schritt führt zur intellektuellen Mündigkeit. Erst dann kann eine auf Wissen, nicht auf Wunschdenken basierende Zivilisation entstehen. Der Abschied von Gott ist der Schritt ins Erwachsenenalter der Menschheit.

