Von der Heilung zur Ganzheitlichkeit
Zielsetzung:
Das übergeordnete Lernziel besteht darin, die Konzepte der Pathogenese und Salutogenese sowie das Kohärenzgefühl nach Antonovsky intensiv kennenzulernen und sich kritisch sowie sachlich mit deren Bedeutung für eine ganzheitliche Gesundheitsförderung auseinanderzusetzen. Die Lernenden sollen befähigt werden, das Modell der Salutogenese als Ergänzung zur klassischen Krankheitslehre zu begreifen und einen ressourcenorientierten Blickwinkel in ihrem professionellen Handeln zu etablieren. Dabei dient das Arbeitsblatt als variables Rahmengerüst, das die sachliche Analyse von Gesundheitspotenzialen unabhängig vom spezifischen Fallbeispiel schult.
Inhalte und Methoden:
Das Arbeitsblatt führt die Lernenden zunächst über ein anschauliches Fluss-Gleichnis in die grundlegenden Unterschiede zwischen Pathogenese und Salutogenese ein. Darauf aufbauend erfolgt eine systematische Gegenüberstellung beider Konzepte, bei der Merkmale wie Ressourcenorientierung und das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum erarbeitet werden. Eine Besonderheit der Methodik ist die „lebendige Skala“, bei der die Lernenden physisch im Raum ihre Position auf einem Kontinuum bestimmen und so den dynamischen Charakter von Gesundheit unmittelbar erfahren. Im theoretischen Teil wird das Kohärenzgefühl nach Antonovsky mit seinen drei Säulen – Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit – detailliert analysiert und durch ein Multiple-Choice-Quiz gefestigt. Der praktische Transfer wird durch ein Rollenspiel realisiert, in dem in Form eines biografischen Interviews gezielt nach Ressourcen einer Person gesucht wird. Den Abschluss bildet eine Gruppenreflexion, die den Perspektivwechsel von einer defizitorientierten hin zu einer ressourcenorientierten Sichtweise im beruflichen Kontext kritisch beleuchtet und das eigene Kohärenzgefühl als „Anker“ in Krisen thematisiert.
Kompetenzen:
- Fachkompetenz: Tiefgreifendes Verständnis der Unterschiede zwischen Pathogenese und Salutogenese sowie die Fähigkeit, die Säulen des Kohärenzgefühls im beruflichen Alltag zu identifizieren
- Methodenkompetenz: Durchführung ressourcenorientierter biografischer Interviews und Anwendung von Fragetechniken zur Aktivierung persönlicher Potenziale
- Reflexionskompetenz: Kritische Bewertung der eigenen professionellen Haltung gegenüber Gesundheit und Krankheit sowie Analyse der eigenen Ressourcenanker
- Sozialkompetenz: Empathische Gesprächsführung im Rollenspiel und kooperative Erarbeitung von Lösungsansätzen in der Kleingruppe
Zielgruppe und Niveau:
Auszubildende in der Berufsschule
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Target group and level
Auszubildende in der Berufsschule
Subjects
Von der Heilung zur Ganzheitlichkeit



Die zwei Gesichter der Gesundheit 👥
Das Fluss-Gleichnis: Stellen Sie sich einen Fluss vor, in dem Menschen zu ertrinken drohen.
- Pathogenese: Konzentriert sich darauf, die Ertrinkenden aus dem Wasser zu retten (Behandlung).
- Salutogenese: Fragt, wie man die Menschen zu guten Schwimmer:innen macht, damit sie gar nicht erst in Gefahr geraten (Prävention & Ressourcen).
📝Vergleich der Konzepte: Ordnen Sie die Sätze der richtigen Kategorie zu.
📝Arbeitsauftrag: Wählen Sie nun einen Satz aus der Salutogenese-Seite aus, die Sie in Ihrem Praktikum am wichtigsten finden. Bereiten Sie eine kurze Begründung vor.

Das interaktive Kontinuum (Die "Lebendige Skala")
Aktion: Bestimmen Sie eine Seite des Klassenzimmers als "100% gesund (health-ease)" und die gegenüberliegende Seite als "schwer krank (dis-ease)".
Die Übung: Stellen Sie sich alle auf die Linie, wo Sie sich gerade fühlen.
Der Clou (Transfer): Jetzt stellen Sie sich vor, Sie haben eine schwere Grippe. Gehen Sie zwei Schritte Richtung 'krank'. Bleiben Sie dort stehen? Nein! Salutogenese fragt: Was hilft Ihnen jetzt, wieder einen Schritt Richtung 'gesund' zu gehen?"
- Zum Beispiel: "Tee trinken", "Schlaf", "Wissen, dass es bald vorbei ist" (= Verstehbarkeit)
Was ist Ihnen aufgefallen? Notieren Sie stichpunktartig.
📝Arbeitsauftrag: Lesen Sie den folgenden Text aufmerksam. Beantworten Sie daraufhin die Fragen.
Die drei Säulen nach Antonovsky: Das Kohärenzgefühl als Schlüssel zur Gesundheit
Einleitung: Das Salutogenese-Modell
Aaron Antonovsky entwickelte das Modell der Salutogenese, das den Fokus nicht auf die Entstehung von Krankheit, sondern auf die Förderung von Gesundheit legt. Im Zentrum steht dabei das sogenannte Kohärenzgefühl. Dieses beschreibt die Grundeinstellung eines Menschen zur Welt und zu seinem eigenen Leben. Nach Antonovsky ist das Kohärenzgefühl entscheidend dafür, wie Menschen mit Stressoren und Herausforderungen umgehen und ob sie ihre Gesundheit aufrechterhalten können. Das Kohärenzgefühl basiert auf drei grundlegenden Säulen: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit.
Verstehbarkeit: Die Welt begreifen
Die erste Säule ist die Verstehbarkeit. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, die Ereignisse und Zusammenhänge in seinem Leben als geordnet, strukturiert und vorhersehbar wahrzunehmen. Menschen mit einem ausgeprägten Gefühl der Verstehbarkeit können neue oder unerwartete Informationen besser einordnen und sind in der Lage, ihr Leben als nachvollziehbar zu betrachten. Dies hilft ihnen, auch in schwierigen Situationen den Überblick zu behalten und nicht in Chaos oder Verwirrung zu geraten.
Handhabbarkeit: Herausforderungen meistern
Die zweite Säule, die Handhabbarkeit, steht für das Vertrauen, über ausreichende Ressourcen zu verfügen, um den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein. Diese Ressourcen können sowohl innerlich (z. B. Fähigkeiten, Wissen, Selbstvertrauen) als auch äußerlich (z. B. soziale Unterstützung, finanzielle Mittel) sein. Wer glaubt, Herausforderungen bewältigen zu können, entwickelt weniger Angst vor Problemen und fühlt sich weniger hilflos. Dieses Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit ist entscheidend, um Stressoren erfolgreich zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen.
Sinnhaftigkeit: Einen Sinn im Leben erkennen
Die dritte Säule ist die Sinnhaftigkeit. Sie beschreibt das Gefühl, dass das eigene Leben und die darin enthaltenen Herausforderungen einen Sinn haben. Menschen, die Sinnhaftigkeit empfinden, sehen in Schwierigkeiten eine Aufgabe, die es wert ist, angenommen zu werden. Sie finden Motivation und Energie, sich mit Problemen auseinanderzusetzen und sind eher bereit, Anstrengungen auf sich zu nehmen. Sinnhaftigkeit verleiht dem Leben Richtung und Ziel, was wiederum die psychische Gesundheit stärkt.
Fazit
Das Kohärenzgefühl nach Antonovsky, bestehend aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit, ist ein zentraler Schutzfaktor für die Gesundheit. Wer diese drei Säulen in seinem Leben stärken kann, ist besser gerüstet, um auch in belastenden Zeiten seelisch und körperlich gesund zu bleiben.
Kreuzen Sie die richtige Antwort an.

Das Interview
Arbeitsauftrag: Lesen Sie den folgenden Text aufmerksam. Führen Sie anschließend ein Rollenspiel in Partnerarbeit durch.
Eine:r übernimmt die Rolle des Profis, eine:r die Rolle der Person aus dem Text.
- Das Interview: Der Profi stellt 3 erzählgenerierende Fragen zur Vergangenheit von der Person.
- Beispiel: "Erzählen Sie mir von einer Zeit in Ihrem Leben, in der Sie vor einer ganz neuen Herausforderung standen. Wie haben Sie den ersten Schritt geschafft?"
- Regel: Keine "Warum"-Fragen (die klingen nach Verhör), sondern "Wie/Was"-Fragen.
Die Ressourcen-Ernte: Notieren Sie zwei Fähigkeiten, die die Person damals gezeigt hat und die wir heute für seine/ihre aktuelle Situation nutzen können.
Resilienzförderung bei Jugendlichen durch Biografiearbeit
Fallbeispiel
Die 15-jährige Lena lebt seit einem Jahr in einer Jugendwohngruppe. Sie hat den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, nachdem es zu Hause immer wieder zu Konflikten und emotionalen Überforderungen kam. Lena beschreibt ihre Kindheit als von Unsicherheit und ständiger Anspannung geprägt. Oft musste sie Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen, da ihre Mutter häufig überfordert war und der Vater selten zu Hause. Besonders belastend waren die ständigen Streitigkeiten zwischen den Eltern, die Lena dazu brachten, sich nachts mit ihren Geschwistern in einem Zimmer einzuschließen.
In der Jugendwohngruppe zeigt sich Lena gegenüber den Erzieher:innen und anderen Jugendlichen sehr verschlossen. Sie verweigert häufig die Teilnahme an Gruppenaktivitäten und wirkt in Gesprächen über ihre Zukunft hoffnungslos. Auf Fragen zur Zukunft reagiert sie meist mit Schulterzucken oder kurzen, abwehrenden Antworten. Freundschaften innerhalb der Gruppe geht sie aus dem Weg und verbringt viel Zeit allein in ihrem Zimmer, meist mit Musik oder Büchern. In ihrer Akte wird sie als „bindungsunwillig“ und „schwierig“ beschrieben. Die Fachkräfte haben den Eindruck, dass Lena nur schwer Vertrauen fasst und häufig Rückzug als Schutzmechanismus nutzt.
Im Gespräch mit einer neuen Fachkraft kommt zur Sprache, dass Lena früher gerne am Kunstunterricht teilgenommen hat und dort einmal an einem Schulprojekt mitgewirkt hat, bei dem sie ein Wandbild mitgestalten durfte. Auch erzählt sie, dass sie, bevor die familiären Probleme eskalierten, regelmäßig mit einer Freundin im Park Inline-Skaten war – das habe ihr geholfen, „den Kopf freizubekommen“.
Eine Fachkraft beschließt nun, das Konzept der Salutogenese zu nutzen, um hinter das Problem des Kontaktabbruchs zu schauen und Lenas verborgene Stärken und Ressourcen zu finden. Ziel ist es, gemeinsam mit Lena Wege zu entwickeln, wie sie trotz ihrer schwierigen Erfahrungen wieder mehr Zuversicht und Vertrauen in sich und andere gewinnen kann.
Theoretische Einordnung: Salutogenese in der Jugendhilfe
In der stationären Jugendhilfe begegnen uns oft junge Menschen wie Lena, deren Lebensweg von Beziehungsabbrüchen und Krisen geprägt ist. Die Pathogenese würde hier vor allem auf die Bindungsstörung oder die mangelnde Kooperationsbereitschaft blicken. Im Gegensatz dazu sucht der salutogenetische Ansatz nach dem, was die Jugendliche trotz dieser massiven Belastungen stabil hält. Das Kohärenzgefühl ist dabei der zentrale Ankerpunkt. Für eine Jugendliche, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen hat, ist die Welt oft unvorhersehbar und sinnlos geworden. Biografiearbeit setzt genau hier an, um die Säulen der Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit wieder aufzubauen, indem die eigene Geschichte nicht nur als Aneinanderreihung von Katastrophen, sondern als Kette von bewältigten Herausforderungen umgedeutet wird.
Praktische Anwendung: Das narrative Interview im Wohngruppenalltag
In einer pädagogischen Einheit führt die Fachkraft mit Lena ein Mini-Narrative-Interview durch. Anstatt die belastenden Gründe für den Kontaktabbruch zu thematisieren (Was macht krank?), wird die Aufmerksamkeit auf Situationen gelenkt, in denen die Jugendliche Autonomie bewiesen hat.
Transfer: Von der Ressource zur Handlungsfähigkeit
Der Transfer in den Alltag gelingt, wenn die identifizierten Ressourcen aktiv in den Hilfeplan integriert werden. Die Erkenntnis, dass der Kontaktabbruch zu den Eltern keine bloße Verweigerung, sondern eine aktive Ressource zum Selbstschutz (Handhabbarkeit) sein kann, verändert die pädagogische Haltung grundlegend. Die Fachkraft sieht nicht mehr die „schwierige“ Klientin, sondern eine junge Frau, die fähig ist, Grenzen zu setzen. Dies stärkt die Sinnhaftigkeit ihres Handelns und fördert langfristig die psychische Stabilität und die Bereitschaft, neue, gesunde Bindungen einzugehen.
Hier finden Sie Platz, um sich ggf. Notizen während oder zu dem Interview zu machen.
Hier finden Sie Platz, um die Fähigkeiten zu sammeln.

Transfer und Reflexion
Arbeitsauftrag: Bilden Sie 3er-4er-Gruppen. Beantworten Sie in den Kleingruppen folgende Fragen, bezogen auf Ihr Fallbeispiel:
- Der Perspektivwechsel: Schauen Sie auf die Defizite von der im Text genannten Person (z. B. Schulabbruch/Pflegebedürftigkeit). Wie ändert sich Ihre Einstellung zu der Person, wenn Sie sie jetzt als "Expert:in für sein/ihr eigenes Leben" mit einer Geschichte sehen?
- Methodik: Warum hilft das biografische Erzählen dem Klienten / der Klientin mehr, als wenn wir ihm einfach sagen: "Kopf hoch, das wird schon"?
- Selbst-Check (Kohärenzgefühl): Wenn Sie auf Ihre eigene Biografie schauen – welche der drei Säulen ist Ihr stärkster Anker in Krisen?
Verstehbarkeit (Ich verstehe, was los ist)
Handhabbarkeit (Ich packe es an)
Sinnhaftigkeit (Ich weiß, wofür ich es tue)
Notieren Sie Ihre Überlegungen!
Perspektivwechsel
Methodik
Selbst-Check
📝 Besprechen Sie Ihre Ergebnisse im Plenum!
MUSTERLÖSUNG FÜR DIE LEHRKRAFT!!!
Perspektivwechsel
Wenn wir die Defizite der im Text genannten Person, wie beispielsweise den Kontaktabbruch zu den Eltern, aus einer anderen Perspektive betrachten, entsteht ein neues Bild. Die Person wird nicht mehr als „schwierig“ oder „unkooperativ“ wahrgenommen, sondern als jemand, der fähig ist, sein Leben aktiv zu gestalten und Entscheidungen zu treffen, um sich selbst zu schützen. Indem wir die Person als Expert:in für ihr eigenes Leben ansehen und ihre Geschichte anhören, erkennen wir ihre Stärken und Ressourcen, die ihr geholfen haben, schwierige Situationen zu bewältigen. Dadurch wird eine respektvolle und unterstützende Haltung eingenommen, die das Kohärenzgefühl stärkt und langfristig zur psychischen Stabilität beiträgt.
Methodik
Das biografische Erzählen hilft dem:der Klient:in mehr, weil es ihm:ihr ermöglicht, seine:ihre eigenen Stärken und Ressourcen zu erkennen und zu wertschätzen. Anstatt einfach zu sagen: „Kopf hoch, das wird schon“, wird durch das biografische Erzählen eine tiefergehende Selbstreflexion angeregt. Die Person kann ihre Erfahrungen und Erfolge aus einer neuen Perspektive betrachten und daraus Motivation und Sinn schöpfen. Diese Methode fördert das Kohärenzgefühl, indem sie die Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensgeschichte betont und die Handhabbarkeit durch das Erkennen eigener Fähigkeiten steigert.
Selbst-Check (Kohärenzgefühl)
Wenn ich auf meine eigene Biografie schaue, ist die Säule, die für mich in Krisen am stärksten als Anker dient, die Handhabbarkeit. Ich packe Herausforderungen aktiv an und vertraue darauf, dass ich über die notwendigen Fähigkeiten und Ressourcen verfüge, um Probleme zu bewältigen. Dieses Vertrauen in meine Handlungsfähigkeit gibt mir Sicherheit und Zuversicht, auch in belastenden Zeiten. Die Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit spielen ebenfalls eine Rolle, indem sie mir helfen, die Zusammenhänge zu erkennen und meinem Handeln einen Sinn zu verleihen, doch die Handhabbarkeit bleibt mein stärkster Rückhalt.